Die Inselgruppe liegt weit draußen vor der schottischen Westküste. Wer dort lebte, hatte Nachbarn, Schafe und Seevögel. Eine verlässliche Verbindung zum Festland gehörte nicht zur Ausstattung. Schiffe kamen, wenn das Wetter es zuließ. Im Winter konnte das lange dauern. Für eine Einladung zum Tee war das lästig. Bei Hunger wurde es gefährlich.
1877 saß der Journalist John Sands auf St Kilda fest. Nach einem Schiffsunglück waren außerdem österreichische Seeleute auf der Insel gestrandet, während die Lebensmittel knapp wurden. Sands schickte eine Nachricht in einem schwimmenden Behälter aufs Meer. Neun Tage später wurde sie auf Orkney gefunden; ein Schiff brachte Hilfe. Über Einzelheiten und das genaue Anfangsjahr erzählen die späteren Darstellungen nicht ganz dieselbe Geschichte. Dass die Idee Folgen hatte, ist besser belegt.
Im September 1885 zerstörte ein Sturm Lebensmittelvorräte der Inselbewohner. Der vierzehnjährige Alexander Gillies Ferguson hatte von Sands’ Versuch gehört. Er setzte fünf Postboote mit Hilferufen aus. Eines erreichte Lewis. Die Nachricht brachte Geldspenden, Vorräte und schließlich ein gechartertes Schiff in Bewegung.
Man muss sich diesen Postdienst kurz vorstellen. Die Inselbewohner höhlten ein Stück Holz aus, legten eine geschützte Nachricht hinein und dichteten das Fach ab. Ein aufgeblasener Schafsbalg hielt das Boot über Wasser. Dann warteten sie auf den richtigen Wind und ließen es fahren. Ab diesem Punkt waren Strömung, Wetter und ein unbekannter Finder zuständig. Eine Poststelle mit ungewöhnlich großer Personalfluktuation.

Die Boote waren einfallsreich. Sie waren auch ein Zeichen dafür, wie wenig Hilfe sich planen ließ. Ein Hilferuf, der irgendwo anlanden könnte, ist kein beruhigender Notfallplan. Doch auf St Kilda war manchmal genau das die Möglichkeit, die es gab.
Ein Foto aus Richard Keartons Buch With Nature and a Camera zeigt um die Jahrhundertwende einen Mann beim Aussetzen eines solchen Bootes. Es hält die Methode fest, nicht den Hilferuf des Jahres 1885. Die Fotografien des Buches stammen laut Titelblatt von Keartons Bruder Cherry. Auf dem Bild sieht das Boot klein aus. Der Auftrag, den es gelegentlich bekam, war es nicht.
1930 verließen die letzten 36 Bewohner St Kilda auf eigenen Wunsch. Der National Trust for Scotland verwaltet die Inseln heute. Im Jahr 2010 setzte ein dort arbeitender Archäologe, Ian McHardy, erneut ein Postboot aus. Darin lagen sieben Postkarten. Diesmal ging es nicht um Hunger oder Rettung; die Fahrt erinnerte an den alten Brauch.
Im Sommer 2020 fanden vier Kinder und ihr Großvater das Boot an einem Strand auf Andøya, weit im Norden Norwegens. Die Karten waren noch lesbar. Der Großvater schrieb dem National Trust und bat darum, sie weiterzuschicken. Dort prüfte man die Adressen und stellte die Post schließlich zu. Zehn Jahre nach dem Einwurf. Die alte Inselpost hatte sich, ihrem Ruf entsprechend, nicht hetzen lassen.
Eine der Karten war an Norman John Gillies adressiert, der als Kind noch auf St Kilda gelebt hatte. Als das Boot gefunden wurde, war er bereits gestorben; sein Sohn bekam die Karte. Eine andere erreichte einen Nachfahren eines früheren Bewohners. Das kleine Holzboot trug keine Nachricht mehr von einer abgeschnittenen Gemeinschaft. Es fand Menschen, die noch immer mit ihr verbunden waren.
Der Ozean war nie ein guter Briefträger. Aber manchmal hob jemand am anderen Ende etwas aus dem Wasser, öffnete den Deckel und las.

