Daniel Rowan Essay 007/Das Schiff, das nirgendwohin fährt
Slessmynna am Maasholmer Hafen: der Blick geht Richtung Schleimünde.
Slessmynna am Maasholmer Hafen: der Blick geht Richtung Schleimünde.

Schlei · Maasholm

Das Schiff, das nirgendwohin fährt

Eine Galionsfigur auf einem Parkplatz, ein umgezogenes Dorf und eine Küste, die ihre eigene Karte überarbeitet.

Text · Daniel RowanMaasholm · Deutschland8 Min. Lesezeit

Ein halbes Schiff

Am Hafen von Maasholm steht eine Frau, die eindeutig aufs Meer möchte. Kopf nach vorn, Blick in die Ferne, die Frisur für einen längeren Aufenthalt im Wind erstaunlich ordentlich. Hinter ihr parken Autos. Vor ihr liegt die Schlei. Dazwischen steckt sie in einem Schiff, dem offenbar während des Baus die zweite Hälfte abhandengekommen ist.

Es ist eine Galionsfigur. Sie heißt Slessmynna und schaut Richtung Schleimünde. Das erklärt die Seefahrerhaltung. Den Parkplatz erklärt es weniger gut.

Auf den Fotos trägt sie ein rotes Oberteil und darunter Blau. Über ihrem Kopf ragt ein langer Balken hinaus; unter ihr stehen die offenen Spanten eines hölzernen Bugs. Durch das Schiff kann man die Umgebung sehen. Das ist für ein Denkmal angenehm und für ein Transportmittel ein erheblicher Nachteil.

Ein Stück altes Holz am Wasser, dazu ein Name, bei dem man vor dem Aussprechen vorsichtshalber Luft holt: Man denkt rasch an die Wikinger. Ich auch. Sie sind die Aushilfskräfte der norddeutschen Fantasie. Sobald irgendwo ein Balken neben einer Küste liegt, sollen sie etwas damit zu tun gehabt haben.

Hier dürfen sie wieder nach Hause. Der Bug ist eine moderne Hafenskulptur. Eine örtliche Beschreibung nennt die Firma Jaich als Stifterin, die Hafenmeister Petersen und Hoffmann als Erbauer und den Bootsbauer Löchelt als Schnitzer der Figur. Ihr Name erinnert an eine alte Bezeichnung der Schleimündung.1

Wir haben also kein ausgegrabenes Schiff vor uns. Wir haben etwas, das aussieht, als könnte es eine Geschichte anfangen.

Und das kann es.

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Das Wasser hatte einen Wohnungsschlüssel

Maasholm verdankt seinen Standort einer Entscheidung, die jedem einleuchten dürfte, der schon einmal im Erdgeschoss gewohnt hat: Wenn das Wasser oft genug ins Haus kommt, muss irgendwann jemand ausziehen.

Im historischen Rundgang der regionalen Tourismusgesellschaft steht, dass die frühere Siedlung Maas nahe der damaligen Schleimündung wegen wiederholter Überschwemmungen 1701 auf die höhere Stelle Maasholm verlegt wurde. Ein Damm verband sie mit dem Festland.2

Das liest sich so ordentlich. Ein Dorf hier, Hochwasser, ein Dorf dort. Drei Zeilen, und schon ist man fertig. Ein eigener Umzug nimmt gewöhnlich mehr Platz im Familiengedächtnis ein, obwohl dabei selten die gesamte Ortschaft mitkommen muss.

Hier stecken Menschen hinter dem Satz. Häuser, Arbeit, Nachbarn, Dinge, von denen man hofft, dass sie am neuen Ort wieder funktionieren. Und die unangenehme Erkenntnis, dass man beim alten Ort womöglich nicht noch einmal auf Einsicht hoffen sollte.

Weit weg konnte man trotzdem nicht. Die Bewohner lebten zunächst von der Seefahrt, später hauptsächlich vom Fischfang. Ende des 19. Jahrhunderts fuhren zeitweise mehr als 150 Berufsfischer von Maasholm aus zum Fang.2 Sie brauchten das Wasser. Nur eben nicht im Bett.

Man zog also weit genug fort, um trockener zu wohnen, und blieb nah genug, um arbeiten zu können. Es war ein Kompromiss mit einer Partei, die an den Verhandlungen nicht teilnahm.

Heute klingt „direkt am Wasser“ nach einer Eigenschaft, für die man einen Aufpreis bezahlt. In dieser Geschichte war es zeitweise eine Eigenschaft, für die man ein neues Dorf brauchte. Die Formulierung hat sich deutlich verbessert. Das Wasser ist geblieben.

Der offene hölzerne Bug der Slessmynna am Hafen von Maasholm.
Der offene hölzerne Bug der Slessmynna am Hafen von Maasholm.

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Ein Pfahl macht keine großen Worte

Am westlichen Schleiufer liegen die historischen Kahnstellen, hölzerne Anlegeplätze für die kleinen Fischerboote. Die Pfähle dienten auch zum Trocknen der Netze. Der Rundgang von 2017 nennt 48 erhaltene Liegeplätze unter Denkmalschutz, saniert im Jahr 2011.2

An einem Pfahl läuft man leicht vorbei. Er gibt sich wenig Mühe, das zu verhindern. Keine heldenhafte Haltung, kein Blick in die Ferne. Ein Pfahl hat sich damit abgefunden, dass er nur aus der richtigen Entfernung schlanker aussieht.

Aber hier hing Alltag daran. Das Boot festmachen, das Netz trocknen, am nächsten Tag wieder los. Wer so arbeitete, brauchte Dinge, die hielten. Die hübsche Wirkung von verwittertem Holz war vermutlich kein vorrangiges Anliegen.

Das macht diese Anlegeplätze für mich interessant. Sie erzählen von Arbeit, ohne nachträglich so zu tun, als sei Arbeit schon immer eine malerische Freizeitbeschäftigung gewesen. Der Hafen war ein Ort, an dem man Geld verdienen musste. Das Wetter war kein Gesprächseinstieg. Es konnte darüber entscheiden, ob man überhaupt hinausfuhr.

Die Frau am Bug bekommt leichter ein Foto. Die Pfähle erklären, weshalb es hier einen Hafen gibt, vor dem man sie fotografieren kann.

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Die Küste korrigiert ihre eigene Karte

Mit Maas und seinem Umzug ist die Geschichte noch nicht erledigt. An der Schleimündung gab es einen anderen, älteren Ort: Mynnaesby, auch Slaesmynnar genannt.

Hans-Peter Wengel beschreibt ihn in einem vom Stadtarchiv Kappeln veröffentlichten Aufsatz als mittelalterlichen Handels- und Zollplatz, im Waldemarischen Erdbuch von 1231 erwähnt. Daneben lag eine Befestigung namens Oldenburg oder Gammelborg. Wo das Dorf genau stand, ist in seiner Darstellung unsicher; möglicherweise auf einer Insel, die ebenfalls verschwunden ist.3

Maas und Mynnaesby sind verschiedene Siedlungen. Ich würde sie gern zu einer einzigen Geschichte zusammenziehen, weil das weniger Namen wären, bei denen ich nachsehen muss. Die Geschichte wäre dann leider falsch.

Der zweite Ort gehört zur älteren Mündungslandschaft. Wengel berichtet von Mauerresten, die bei sehr niedrigem Wasserstand sichtbar geworden seien. Das ist eine überlieferte Nachricht, kein Besichtigungsangebot. Man sollte sich davon keine freigelegte Dorfstraße versprechen, an deren Ende jemand Räucherfisch verkauft.3

Es bleibt trotzdem ein seltsamer Gedanke: Auf derselben Wasserfläche, die für ein Urlaubsfoto vor allem schön waagerecht sein soll, liegt eine Geschichte, deren Boden man nicht mehr zuverlässig zeigen kann.

Ein Handelsplatz bedeutet, dass Menschen ankamen, Waren bewegten, zahlten, warteten und weiterfuhren. Ihre einzelnen Stimmen fehlen in dieser kurzen Darstellung. Der Ort lässt sich belegen; den Wortwechsel an seiner Zollstelle müsste ich erfinden. Dafür wäre ich als Schriftsteller durchaus zu gebrauchen. Als Begleiter durch diese Geschichte wäre es weniger hilfreich.

Auch die Einfahrten der Schlei veränderten sich und versandeten. Wengel datiert die Herstellung der heutigen Einfahrt auf 1794 bis 1796.3 Selbst die Tür zum Wasser blieb also nicht dort, wo man sie einmal eingezeichnet hatte.

Wir betrachten Küsten gern als Linien. Land links, Meer rechts, eine ordentliche Kante dazwischen. Das funktioniert auf einer Karte ausgezeichnet. Die Küste besitzt allerdings weder unseren Atlas noch ein erkennbares Bedürfnis, sich daran zu halten.

Die Slessmynna schaut Richtung Schleimünde, nicht auf einen exakt nachgewiesenen Standort des verlorenen Dorfes. Gerade dieser offene Blick passt. Hier gibt es mehr Vergangenheit als feste Stellen, an denen man sie festschrauben könnte.

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Ein Kreuz mit einem zweiten Leben

Eine andere Spur führt zur Petri-Kirche. Bevor Maasholm seine eigene Kirche bekam, fuhren die Bewohner zum Gottesdienst nach Kappeln, zu Schiff und zuweilen unter großen Gefahren. Auch Verstorbene wurden übers Wasser zum Kappelner Friedhof gebracht. Später gab es Andachten in der Schule; die eigene Kirche wurde 1952 eingeweiht.4

Die Schlei führte damit durch das ganze Leben. Arbeit, Gottesdienst, Begräbnis: Was wir heute als Aussicht betrachten, war für diese Gemeinde auch der Weg, auf dem man zueinanderkam.

Und dann ist da, über dem Altar, das Kreuz der Hoffnung. Der in Maasholm geborene Malermeister Heinrich Petersen schnitzte es für das Grab seiner Mutter in Kappeln. Nach der Auflösung des Grabes kam es in den Andachtsraum der Maasholmer Schule. Pastor Ottemann ließ es restaurieren und in der Kirche anbringen.4

Diese kleine Wanderung des Kreuzes bleibt mir mehr im Kopf als manche große Jahreszahl. Jemand machte mit seinen Händen etwas für seine Mutter. Als sein erster Platz wegfiel, wurde es aufgehoben, weitergegeben, wieder angebracht. Eine private Erinnerung erhielt einen Platz im gemeinsamen Raum.

Vom Wasser veränderte Orte, ein Dorf an einer neuen Stelle, ein Kreuz mit einer anderen Aufgabe: Man muss die Dinge nicht zwingen, dasselbe zu bedeuten. Es fällt nur auf, wie viel hier dadurch erhalten blieb, dass es nicht am ursprünglichen Platz bleiben musste.

Die Kirchengeschichte enthält außerdem einen Satz, der mich sehr für das Gebäude einnimmt: Für die Gemeindeveranstaltungen braucht es eine Möglichkeit, Tee und Kaffee zu kochen.4

Da werden Gewölbe beschrieben, Altäre, Licht und die große Hoffnung des Menschen, und irgendwann kommt jemand auf die entscheidende Frage zurück: Wo stellen wir den Wasserkocher hin?

Das ist mir sympathisch. Eine Gemeinde besteht auch aus Leuten, die nach dem Sitzen aufstehen und noch bleiben möchten. Dazu helfen eine warme Tasse und ein Stuhl, den man verrücken kann. Beides bekommt selten ein Denkmal. Beides wird vermisst, sobald es fehlt.

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Die Frau bleibt sitzen

Zurück zum offenen Bug. Auf dem seitlichen Foto sitzen zwei Menschen auf einer Bank am Wasser, die Fahrräder neben sich. Sie schauen in dieselbe Richtung wie die Galionsfigur. Was sie denken, weiß ich nicht. Vielleicht wäre ihnen der mittelalterliche Zollplatz sehr wichtig. Vielleicht möchten sie einfach noch fünf Minuten sitzen bleiben.

Die Gemeindewebsite hält für Rückkehrer von längerer Seefahrt übrigens auch eine bodenständige Nachricht bereit: Im Ort gibt es einen Friseursalon.5 Es ist schwer, eine Küstenlandschaft mit größerem Fernweh zu betrachten, wenn einem gleichzeitig jemand mitteilt, dass man hinterher etwas gegen den Kopf unternehmen kann.

Der Figur am Bug scheint das vorläufig nicht nötig. Ihre Frisur hält. Ihr Schiff fährt nicht. Durch seine offenen Spanten passen Himmel, Autos, Bäume und die Gegenwart, ohne dass irgendjemand sie am Eingang aufhalten müsste.

Die Slessmynna verlangt nicht viel. Ein kurzer Halt zwischen Parkplatz und Wasser reicht. Aus dem Holz werden Fragen, aus der Aussicht wird eine Gegend, in der Menschen umziehen mussten, Durchfahrten verlegten und Dinge aufhoben, für die es am alten Platz keine Zukunft mehr gab.

Die Frau sagt nichts dazu. Sie schaut weiter hinaus.

Ein ganzes Schiff wäre womöglich längst fort. Dieses halbe ist noch da.

Quellen

  1. Schlei-Ostsee-Urlaub: Slessmynna (Schleimünde) in Maasholm, 8. Oktober 2007.
  2. Ostseefjord Schlei GmbH: Historischer Rundgang durch Maasholm, Text Eckhard Voß, Stand Januar 2017.
  3. Stadtarchiv Kappeln: Hans-Peter Wengel, Mynnaesby, das untergegangene Dorf in Schleimünde.
  4. Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Gundelsby-Maasholm: Petrikirche in Maasholm.
  5. Gemeinde Maasholm: Ortsbeschreibung und Angebote.

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