Daniel Rowan Essay 001/Der alte Schwede und der ordentliche Tod

Ort · Erinnerung · Seefahrtsgeschichte

Der alte Schwede und der ordentliche Tod

In Schleswig bekommt der Dom die Besucher. Die kleinere Kapelle bewahrt die seltsamere Geschichte.

Text · Daniel RowanKunstwerk · George KayeSchleswig · Deutschland6 Min. Lesezeit
Aquarell eines schwedischen Segelschiffs in unruhigem Wasser unter gelbgrauem Himmel
Der alte Schwede.Aquarell · George Kaye

Das Denkmal, das man finden muss

Den Schleswiger Dom kann man kaum übersehen.

Ein paar Straßen weiter steht im alten Fischerviertel Holm eine kleine Kapelle. An ihr kann man vorbeigehen.

Den Schleswiger Dom kann man kaum übersehen. Sein Turm ist 112 Meter hoch, und Kathedralen waren noch nie besonders gut darin, sich kleinzumachen.

Seit fast 900 Jahren steht dort ein Dom in der einen oder anderen Form. Er hat einen berühmten Schnitzaltar, beinahe 400 Figuren und das Selbstbewusstsein eines Gebäudes, das man schon aus weiter Entfernung erkennt. Wer nach Schleswig kommt, fotografiert ihn. Man muss sich dafür nicht einmal besonders anstrengen.

Der Schleswiger Dom, über das Wasser der Schlei hinweg gesehen und darin gespiegelt
Der Schleswiger Dom, über die Schlei hinweg gesehen.Foto · Kirchenfloh / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0 · fürs Web verkleinert

Ein paar Straßen weiter steht im alten Fischerviertel Holm eine kleine Kapelle.

An ihr kann man vorbeigehen.

Das ist vermutlich ein Teil ihres Charmes.

Die meisten Orte legen ihren Marktplatz in die Mitte. Holm legte dort den Friedhof an. Nicht unbedingt fröhlicher. Aber ehrlicher.

Die Fischerhäuser stehen bis heute im Kreis um die Toten. Jahrhundertelang war der Holm eine Insel. Erst 1933 wurde er fest mit dem übrigen Schleswig verbunden. Die Landkarte änderte sich. Der Friedhof blieb, wo er war: mitten im Viertel.

Und mitten auf dem Friedhof steht die Kapelle.

Die kleine weiße Holmer Kapelle zwischen Gräbern und alten Bäumen
Die Holmer Kapelle auf dem Friedhof der Holmer Beliebung.Foto · Dietmar Rabich / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0 · fürs Web verkleinert

Der heutige Bau stammt von 1876. Von außen könnte man ihn für ein freundlich geratenes Gartenhaus halten. Drinnen sollte man den Kopf heben.

Über den weißen Bänken hängt eine ganze Flotte.

01

Schiffe ohne Meer

Mehrere Segelschiffe schweben unter der hellen Holzdecke. Ihre Rümpfe hängen über den Kirchenbänken, das Tauwerk ist gespannt, die Segel warten. Eigentlich könnten sie jederzeit auslaufen. Es fehlt nur das Meer, was bei einem Schiff kein ganz unwesentliches Detail ist.

Das blassblaue Holz nimmt dem Raum jede Schwere. Die Kapelle wirkt nicht düster und schon gar nicht beklemmend. Sie ist still, ein wenig stolz und überraschend hell.

Wer länger dort sitzt, riecht irgendwann altes Holz, Salz und Eiche. Vielleicht sogar etwas, das an Zypressen erinnert. Ob jemals Zypressenholz verbaut wurde, ist dabei nicht besonders wichtig. Alte Räume führen keine Materialliste für Erinnerungen.

Solche Schiffe gibt es in vielen Kirchen an den Küsten Nordeuropas, besonders in Skandinavien und rund um die Ostsee. Meist werden sie Votivschiffe genannt. Das klingt passend, stimmt im protestantischen Norden aber häufig nicht.

Viele Modelle waren keine Dankesgaben von Seeleuten, die einen Sturm überlebt hatten. Gilden oder Privatleute stifteten sie. Die Schiffe zeigten, wovon ein Ort lebte und worauf seine Bewohner stolz waren. Der Hafen kam mit in die Kirche.

Sogar die Proportionen wurden dem Blick von unten angepasst. Manche alten Modelle haben einen flacheren Rumpf und eine übergroße Takelage, damit sie von den Bänken aus richtig aussehen. Perspektivtricks gab es in Kirchen also schon lange vor Immobilienmaklern mit Weitwinkelobjektiv.

Diese Schiffe waren keine Spielzeuge, die man vorsichtshalber außer Reichweite von Kindern aufhängte. Sie waren ein Bild der Menschen darunter.

Auf dem Holm lebten diese Menschen von der Fischerei und vom Wasser. Und sie wussten, dass beides ein Leben nehmen konnte, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren.

02

Wenn Nachbarschaft zur Pflicht wird

Der Friedhof ist älter als die heutige Kapelle. Er ist sogar älter als die Holmer Beliebung, der er inzwischen gehört.

1603 taucht er in den Unterlagen bereits als städtischer Marienfriedhof für arme Menschen auf. Erst im 18. Jahrhundert ging er in den Besitz der Beliebung über.

Die Beliebung selbst wurde 1650 gegründet. Der Dreißigjährige Krieg war da offiziell seit zwei Jahren vorbei.

Krankheit, Hunger und Chaos hielten sich nicht daran.

Während Pest und Not wurden Tote oft schnell fortgebracht und ohne die Fürsorge begraben, die ihre Familien ihnen geben wollten. Die Männer auf dem Holm beschlossen deshalb, sich selbst darum zu kümmern.

Sie schlossen sich aus freiem Belieben zusammen. Niemand von der Obrigkeit hatte es angeordnet. Sie taten es freiwillig, weil jemand dafür sorgen musste, dass ihre Toten anständig bestattet wurden und die Hinterbliebenen nicht allein dastanden.

Aus diesem „freien Belieben“ entstand der Name.

Die Idee dahinter war einfach: Mit Tod und Trauer sollte niemand allein fertigwerden müssen. Auch nicht mit all der sehr praktischen Arbeit, die beides mit sich bringt.

Die Holmer Beliebung gibt es noch immer. Ihr gehört der Friedhof, und sie ist weiterhin Teil des Lebens im Viertel. Juristisch ist sie heute ein kleiner Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit.

Dieser Satz ist so deutsch, dass er sich beinahe selbst abheftet.

Aber hinter der Rechtsform steckt noch immer dasselbe Versprechen. Nachbarschaft sollte länger halten als die Menschen, die sie miteinander vereinbart hatten. Die Lebenden übernahmen Verantwortung für die Toten und füreinander.

Der Friedhof in der Mitte macht das sichtbar. Die Toten wurden nicht an den Rand des Ortes geschoben. Die Häuser blieben um sie herum.

Die Kapelle ist deshalb nicht bloß eine hübsche Zugabe zu einem malerischen Fischerviertel. In diesem kleinen Raum erklärt der Holm, wie er sich selbst verstanden hat.

Die Schiffe über den Bänken erzählen dieselbe Geschichte.

03

Der alte Schwede gerät ins Wetter

Einer der Menschen, die immer wieder in diese Kapelle zurückkehrten, war George Kaye, ein irischer Künstler.

Vor mindestens fünfzehn Jahren malte er das Aquarell eines schwedischen Segelschiffs.

Eine Erinnerung setzt den Anfang des Bildes kurz nach einem Besuch der Holmer Kapelle. George hält das für gut möglich. Sicher behaupten möchte er es nach so vielen Jahren nicht mehr.

Das ist keine Schwäche der Geschichte. So funktioniert Erinnerung nun einmal: Der Hafen ist noch da, nur die genaue Position der Boje wird mit den Jahren etwas großzügiger ausgelegt.

Deshalb machen wir aus dem gemalten Schiff auch keine exakte Kopie eines Kapellenmodells. Das war es nicht. Es sollte ebenso wenig eine historisch korrekte Vasa oder ein anderes bestimmtes Schiff darstellen.

George ging es um das Wetter.

Die Segel nehmen fast das ganze Bild ein. Gelbes Licht drückt durch einen grauen Himmel. Das Wasser steigt bereits gegen den Rumpf, und das Schiff legt sich in das, was als Nächstes kommt.

Es ist kein Gemälde über ein Schiff, das ruhig irgendwohin fährt. Es ist der Moment kurz vor der Veränderung.

George nannte das Bild Der alte Schwede. Der Titel kam nicht aus einer Theorie über Wikinger, Schleswig oder das nahe Haithabu. Er hatte einfach den deutschen Ausruf Alter Schwede! gehört und mochte ihn.

Die Wikinger dürfen also wieder zurück nach Haithabu.

Der Titel war ein Witz. Dann mischte sich die Geschichte ein.

Der Duden führt die Redewendung wahrscheinlich auf altgediente schwedische Korporale zurück. Nach dem Dreißigjährigen Krieg soll der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm sie als militärische Ausbilder im Land behalten haben.

Der Krieg endete 1648.

Die Holmer Beliebung wurde 1650 gegründet.

Eine direkte Verbindung zwischen Georges Schiff, der Redewendung und der Totengilde gibt es nicht. Wir werden auch keine erfinden. Aber der Zufall ist zu gut, um ihn nicht zu genießen.

George malte einen Witz. Die Geschichte lieferte die Fußnote.

Das fertige Aquarell kam nicht in ein Schifffahrtsmuseum. George schenkte es seinen Freunden Birgit und Uwe. Die beiden betreiben in Pogum die Kneipe Strand Räuber, in der noch weitere Schiffsmodelle und Bilder aus der Zeit der Segelschiffe zu Hause sind.

Ein irischer Musiker malt ein schwedisches Schiff, gibt ihm einen deutschen Titel und schickt es schließlich in eine Kneipe an der Ems. Europa wurde schon mit schlechteren Plänen organisiert.

Der alte Schwede hat dort Wetter, maritime Gesellschaft und Zugang zu einer Bar.

Viele Schiffe haben deutlich schlechtere Häfen gefunden.

04

Das Denkmal, das man finden muss

Der Schleswiger Dom und die Holmer Kapelle erzählen beide von Erinnerung. Sie tun es nur auf sehr unterschiedliche Weise.

Der Dom nimmt Stein, Höhe und beinahe 400 geschnitzte Figuren. Die Kapelle hängt ein paar Schiffe an dünnen Drähten unter die Decke.

Das eine Gebäude beherrscht die Silhouette der Stadt. Das andere riecht nach Holz und Salz.

Der Dom war dafür gedacht, eine ganze Stadt unter dem Dach der Kirche zu versammeln. Die Kapelle gehört zu einer Gemeinschaft, die sich selbst organisierte, weil Kirche und Obrigkeit in Krieg und Pest nicht alles auffangen konnten.

Daraus muss kein Wettbewerb werden. Der Dom verdient seine Besucher.

Aber die Kapelle belohnt eine andere Art von Aufmerksamkeit. Man findet sie, wenn die bekannte Sehenswürdigkeit längst fotografiert ist und man trotzdem noch ein Stück weitergeht.

Drinnen wird nichts inszeniert. Das blassblaue Holz bleibt blassblau. Die Bänke warten. Die Schiffe halten ihren unmöglichen Kurs über den Köpfen.

Sie tragen Stolz ohne Prunk, Trauer ohne Beklemmung und Geschichte ohne Eintrittskasse.

Kathedralen sind dafür gebaut, gesehen zu werden.

Die Holmer Kapelle muss man finden.

Auf Georges Aquarell hat der alte Schwede wieder Wasser unter dem Kiel und Wetter vor sich. Die Flotte der Kapelle bleibt über den Bänken zurück.

Sie wartet auf den nächsten Menschen, der daran denkt, nach oben zu schauen.

Kunstwerk

Der alte Schwede, Aquarell von George Kaye, irischer Künstler. Vor mindestens fünfzehn Jahren entstanden. Mit Genehmigung des Künstlers abgebildet.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Holmer Beliebung — offizielle Website
  2. Holmer Friedhof — Deutsche Stiftung Denkmalschutz
  3. Holmer Friedhof — Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein
  4. Schleswiger Sehenswürdigkeiten: Der Holm und der St.-Petri-Dom — Stadtmarketing Schleswig
  5. Schleswigs Gilden und Beliebungen — Stadtmarketing Schleswig
  6. Kirchenschiffe in Schleswig-Holstein — Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
  7. Geschichte des Schleswiger Doms — St.-Petri-Dom
  8. „Alter Schwede“ — Duden
  9. Persönliche Korrespondenz mit George Kaye, September 2026.

Leuchtturm, 3. Oktober 2020. Pneutje / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0. Verkleinert, in WebP umgewandelt. Quelle · Lizenz

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